Deutschland gehört zu den reichsten Volkswirtschaften der Welt. Trotzdem wird ein wachsender Teil der Bevölkerung wirtschaftlich ärmer. Das ist kein bloßer Eindruck und auch keine Frage subjektiver Wahrnehmung. Entscheidend ist nicht, ob die nominalen Einkommen heute höher liegen als vor zehn oder zwanzig Jahren. Entscheidend ist, was den Menschen nach Steuern, Sozialabgaben, Wohnkosten, Energie, Lebensmitteln, Mobilität und den ständig wachsenden finanziellen Verpflichtungen tatsächlich noch zur freien Verfügung steht. Noch entscheidender ist die Frage, ob dieser verbleibende Betrag ausreicht, um Vermögen aufzubauen. Genau hier zeigt sich eine der tiefsten strukturellen Verwerfungen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems.
Denn Wohlstand entsteht nicht allein durch Einkommen. Dauerhafte wirtschaftliche Freiheit entsteht erst durch Vermögen. Wer sein Einkommen nahezu vollständig für den Lebensunterhalt benötigt, kann trotz guter beruflicher Leistung kaum Kapital aufbauen. Wer dagegen bereits über Immobilien, Unternehmensbeteiligungen, Wertpapiere oder anderes produktives Vermögen verfügt, besitzt einen entscheidenden Vorteil: Sein Kapital kann weiteres Kapital erzeugen. Aus Vermögen entstehen Erträge, aus Erträgen neue Investitionen und daraus wiederum zusätzliches Vermögen. Dieser Mechanismus ist weder geheim noch neu. Er gehört zum Wesen einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Problematisch wird er dort, wo immer größere Teile der Bevölkerung kaum noch die Möglichkeit haben, selbst in diesen Prozess einzutreten.
Nicht das Einkommen entscheidet über Wohlstand
Die politische Diskussion konzentriert sich noch immer stark auf Löhne und Einkommen. Das greift zu kurz. Zwei Haushalte mit demselben Monatseinkommen können wirtschaftlich in vollkommen unterschiedlichen Welten leben. Wer eine schuldenfreie Immobilie besitzt und zusätzlich über Kapitalvermögen verfügt, befindet sich in einer völlig anderen Situation als ein Haushalt, der Miete bezahlt, Kredite bedient und sein gesamtes Einkommen für den laufenden Lebensunterhalt benötigt. Nicht der Monatsverdienst allein entscheidet deshalb über wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sondern das tatsächlich verfügbare Einkommen in Verbindung mit dem bereits vorhandenen Vermögen.
Gerade diese Unterschiede werden in Deutschland häufig durch Durchschnittswerte verdeckt. Das durchschnittliche Nettovermögen eines Haushalts lag 2023 bei rund 325.000 Euro. Der Median, also jener Wert, bei dem genau die Hälfte der Haushalte darüber und die andere Hälfte darunter liegt, erreichte dagegen nur etwas mehr als 100.000 Euro. Dieser enorme Abstand ist Ausdruck einer ausgeprägten Vermögenskonzentration. Ein vergleichsweise kleiner Teil der Bevölkerung besitzt einen sehr großen Anteil des gesamten privaten Vermögens.
Das ist zunächst noch kein Beweis für eine ungerechte Gesellschaft. Vermögensunterschiede entstehen aus vielen Gründen: Unternehmertum, Erbschaften, Investitionen, Konsumentscheidungen, Einkommen und unterschiedliche Lebensverläufe spielen eine Rolle. Ökonomisch entscheidend ist jedoch etwas anderes. Wer bereits Vermögen besitzt, verfügt über deutlich bessere Möglichkeiten, weiteres Vermögen aufzubauen. Wer dagegen kaum Vermögen besitzt und nahezu sein gesamtes Einkommen konsumieren muss, bleibt von den langfristigen Renditen produktiven Kapitals weitgehend ausgeschlossen.
Inflation vernichtet zuerst die Sparfähigkeit
Dieser Unterschied wird durch Inflation erheblich verstärkt. Die amtliche Inflationsrate suggeriert einen durchschnittlichen Kaufkraftverlust. Doch diesen Durchschnittshaushalt gibt es nicht. Ein Mensch, der einen erheblichen Teil seines Einkommens für Lebensmittel, Wohnen, Energie und Mobilität benötigt, erlebt eine andere Inflation als ein vermögender Haushalt, dessen notwendige Lebenshaltungskosten nur einen vergleichsweise kleinen Teil des verfügbaren Einkommens beanspruchen.
Wer von 2.500 Euro Nettoeinkommen bereits 2.300 Euro für notwendige Ausgaben benötigt, kann steigende Preise kaum auffangen. Er kann nicht beliebig weniger wohnen, weniger heizen oder auf Lebensmittel verzichten. Steigen seine notwendigen Ausgaben um 150 oder 200 Euro, verschwindet genau jener Betrag, der zuvor möglicherweise für Rücklagen oder Vermögensbildung zur Verfügung stand. Bei einem Haushalt mit 10.000 Euro verfügbarem Einkommen wirken dieselben Preissteigerungen völlig anders. Sie sind unangenehm, zerstören aber nicht zwingend die Fähigkeit zu sparen und zu investieren.
Genau deshalb ist Inflation sozial nicht neutral. Ihre vielleicht wichtigste langfristige Wirkung besteht nicht einmal darin, dass der Konsum heute teurer wird. Wesentlich schwerer wiegt, dass sie bei unteren und mittleren Einkommen die Sparfähigkeit reduziert oder vollständig beseitigt. Damit wird zukünftige Vermögensbildung verhindert. Wer heute 200 Euro monatlich nicht investieren kann, verliert nicht nur 2.400 Euro im Jahr. Er verliert über Jahrzehnte auch die Renditen und Zinseszinseffekte, die dieses Kapital hätte erwirtschaften können.
Der vermögende Haushalt hingegen bleibt investitionsfähig. Damit öffnet sich die Vermögensschere nicht nur aufgrund der heutigen Preissteigerungen, sondern durch die daraus resultierenden unterschiedlichen Vermögenschancen der kommenden Jahrzehnte.
Die Mittelschicht wird zunehmend zum Finanzier des Systems
Diese Entwicklung wird durch politische Entscheidungen verschärft. Private Haushalte tragen heute längst nicht mehr nur klassische Steuern und Sozialabgaben. Immer häufiger entstehen finanzielle Belastungen aus gesetzlichen Anforderungen, Regulierungen und politischen Zielsetzungen. Anforderungen an Gebäude und Energieeffizienz, steigende Energie- und Mobilitätskosten, wachsende Sozialversicherungsbeiträge sowie zahlreiche Gebühren und indirekte Belastungen beanspruchen einen immer größeren Teil des verfügbaren Einkommens.
Nicht jede einzelne dieser Maßnahmen ist deshalb falsch. Viele verfolgen nachvollziehbare Ziele. Das Problem liegt in ihrer kumulierten Wirkung. Jeder Euro, den ein Haushalt aufgrund politischer oder regulatorischer Vorgaben zusätzlich konsumieren muss, steht für private Rücklagen und Vermögensbildung nicht mehr zur Verfügung. Besonders betroffen ist die Mittelschicht. Sie verfügt häufig über zu hohe Einkommen, um umfangreiche staatliche Unterstützungsleistungen zu erhalten, besitzt aber zugleich nicht genügend Vermögen, um immer höhere Belastungen ohne Einschränkung ihres Vermögensaufbaus auffangen zu können.
Damit entsteht ein gefährliches Muster. Der Staat erwartet von diesen Haushalten, dass sie hohe Steuern und Sozialabgaben tragen, gleichzeitig privat für ihr Alter vorsorgen und zusätzlich die finanziellen Folgen gesellschafts- und klimapolitischer Entscheidungen bewältigen. Was individuell jeweils verkraftbar erscheinen mag, entwickelt in der Summe erhebliche wirtschaftliche Sprengkraft.
Mehr Staat bedeutet weniger privaten Handlungsspielraum
Diese Entwicklung zeigt sich auch an der Staatsquote. Inzwischen wird in Deutschland mehr als die Hälfte der gesamtwirtschaftlichen Leistung dem staatlichen Sektor zugerechnet. Eine hohe Staatsquote ist für sich genommen noch kein Beweis für ineffiziente Politik. Staaten mit hoher Abgabenbelastung können leistungsfähige öffentliche Systeme finanzieren. Entscheidend ist vielmehr, ob die Bürger für ihre Belastungen einen entsprechenden Gegenwert erhalten und ob genügend privater Spielraum für eigenverantwortliche Vermögensbildung erhalten bleibt.
Gleichzeitig steigt die öffentliche Verschuldung. Auch Staatsschulden sind nicht grundsätzlich problematisch. Kreditfinanzierte Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Digitalisierung oder andere produktive Bereiche können ökonomisch sinnvoll sein. Problematisch wird Verschuldung, wenn laufende Ausgaben dauerhaft durch neue Kredite finanziert werden. Denn jeder zusätzliche Schuldenstand erzeugt zukünftige Zinsverpflichtungen. Diese Zinsen müssen aus Steuereinnahmen bezahlt werden und begrenzen damit den finanziellen Handlungsspielraum kommender Haushalte.
Staatsverschuldung ist deshalb niemals kostenlos. Sie verlagert Ansprüche in die Zukunft. Bezahlt werden diese Ansprüche durch zukünftige Steuern, niedrigere staatliche Leistungen, zusätzliche Schulden oder eine Kombination dieser Faktoren. Auch Inflation kann dabei eine Rolle spielen, weil sie den realen Wert nominaler Verbindlichkeiten reduziert. Die Kosten verschwinden jedoch nicht. Sie werden verteilt.
Deutschlands Exportmodell hatte einen hohen Preis
Auch das über Jahrzehnte gefeierte deutsche Exportmodell verdient eine kritischere Bewertung. Der Begriff Exportweltmeister klang nach wirtschaftlicher Stärke und nationalem Erfolg. Doch eine Volkswirtschaft produziert nicht, um Exportstatistiken zu gewinnen. Sie produziert letztlich, um den Wohlstand ihrer Bevölkerung zu erhöhen.
Außenwirtschaftliches Gleichgewicht gehört nicht zufällig zu den klassischen Zielen der Wirtschaftspolitik. Dauerhaft hohe Leistungsbilanzüberschüsse bedeuten, dass im Inland weniger konsumiert und investiert wird, als die Volkswirtschaft produziert. Deutschland hat über viele Jahre erhebliche Exportüberschüsse erwirtschaftet und damit spiegelbildlich Forderungen gegenüber dem Ausland aufgebaut.
Ein wesentlicher Faktor für diese Wettbewerbsfähigkeit war die Entwicklung der Lohnkosten im Verhältnis zur Produktivität. Die oft wiederholte Behauptung, deutsche Löhne seien grundsätzlich zu hoch, ist ökonomisch wenig aussagekräftig. Entscheidend sind nicht die Löhne allein, sondern die Lohnstückkosten – also das Verhältnis von Arbeitskosten und Produktivität. Bleiben die Löhne langfristig hinter der Produktivitätsentwicklung zurück, verbessert sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Gleichzeitig wächst jedoch die Binnennachfrage schwächer, als sie bei einer stärkeren Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivitätsfortschritt wachsen könnte.
Davon profitierten insbesondere exportorientierte Unternehmen. Ein bedeutender Teil ihrer Gewinne wurde auf internationalen Märkten erwirtschaftet, während die deutsche Binnenwirtschaft über lange Zeit unter einer vergleichsweise schwachen privaten Nachfrage litt. Der Titel Exportweltmeister hatte deshalb eine Kehrseite: Ein Teil dessen, was international als deutsche Wettbewerbsfähigkeit gefeiert wurde, beruhte darauf, dass der inländische Konsum und die Lohnentwicklung weniger dynamisch verliefen, als es die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ermöglicht hätte.
Wirtschaftliche Macht schafft politischen Einfluss
Damit stellt sich eine unangenehme Frage: Warum bleiben Rahmenbedingungen bestehen, von denen große Vermögen und kapitalstarke Akteure besonders profitieren?
Es wäre falsch, daraus die Vorstellung einer kleinen geheimen Gruppe abzuleiten, die irgendwo einen gemeinsamen Plan zur Verarmung der Bevölkerung beschlossen hat. Moderne Macht funktioniert wesentlich subtiler und effektiver. Wer über erhebliche wirtschaftliche Ressourcen verfügt, besitzt zugleich Möglichkeiten zur politischen Einflussnahme, die einem durchschnittlichen Bürger nicht zur Verfügung stehen.
Wissenschaftliche Untersuchungen haben diesen Zusammenhang untersucht. Besonders bekannt ist die Arbeit der amerikanischen Politikwissenschaftler Martin Gilens und Benjamin Page. Sie analysierten mehr als 1.700 politische Entscheidungen in den Vereinigten Staaten und verglichen die Präferenzen durchschnittlicher Bürger, wirtschaftlicher Eliten und organisierter Interessengruppen mit den tatsächlich getroffenen politischen Entscheidungen. Das Ergebnis war eindeutig genug, um die Vorstellung gleicher politischer Einflussmöglichkeiten infrage zu stellen: Wirtschaftliche Eliten und organisierte Interessengruppen verfügten über erheblichen eigenständigen Einfluss, während die Präferenzen durchschnittlicher Bürger nur einen vergleichsweise geringen eigenständigen Zusammenhang mit politischen Entscheidungen zeigten.
Diese Ergebnisse lassen sich nicht einfach eins zu eins auf Deutschland übertragen. Sie zeigen aber einen grundlegenden Mechanismus moderner Demokratien. Geld kauft nicht zwangsläufig politische Entscheidungen. Geld schafft jedoch Zugang. Es finanziert Interessenvertretungen, Gutachten, spezialisierte Kanzleien, Verbände, Denkfabriken, Kommunikationsstrategien und professionelle Lobbyarbeit. Wirtschaftliche Macht schafft damit strukturell bessere Voraussetzungen, die eigenen Interessen in politische Entscheidungsprozesse einzubringen.
Ein Arbeitnehmer, Rentner oder kleiner Unternehmer besitzt diese Möglichkeiten nicht. Formal haben beide bei einer Wahl jeweils eine Stimme. Zwischen den Wahlen unterscheiden sich ihre Einflussmöglichkeiten jedoch erheblich.
Es braucht keine geheime Kommandozentrale
Genau deshalb ist die Vorstellung einer zentral gesteuerten Verschwörung gar nicht notwendig, um die bestehende Entwicklung zu erklären. Ein Vorstand möchte den Unternehmensgewinn steigern. Ein Investor erwartet Rendite. Ein Vermögensverwalter möchte Kapital erhalten und vermehren. Ein Wirtschaftsverband versucht, günstige gesetzliche Rahmenbedingungen für seine Mitglieder zu erreichen. Eine Regierung benötigt Einnahmen zur Finanzierung ihrer Programme. Ein Ministerium verteidigt seinen Haushalt. Jeder dieser Akteure handelt zunächst innerhalb seiner eigenen Logik.
Wenn jedoch diejenigen mit Kapital dauerhaft bessere Möglichkeiten besitzen, ihre Interessen politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich durchzusetzen, entsteht daraus ein System, dessen Ergebnisse immer wieder in eine ähnliche Richtung weisen können. Vorhandenes Kapital besitzt bessere Wachstumschancen als Vermögen, das erst mühsam aus Arbeitseinkommen aufgebaut werden muss.
Der Mechanismus ist einfach: Wer wenig besitzt, muss einen großen Teil seines Einkommens konsumieren. Wer bereits Vermögen besitzt, kann investieren. Wer investieren kann, erhält Kapitalerträge. Wer Kapitalerträge erhält und sie reinvestiert, vergrößert sein Vermögen. Wer dagegen durch steigende Lebenshaltungskosten, Steuern und Abgaben seine Sparfähigkeit verliert, bleibt von diesem Prozess ausgeschlossen.
Über ein oder zwei Jahre mag dieser Unterschied gering erscheinen. Über zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre wird daraus eine gewaltige Vermögensverschiebung.
Wenn Vermögensungleichheit zur Machtfrage wird
Damit geht es längst nicht mehr nur um Geld. Vermögen bedeutet Unabhängigkeit. Wer Kapital besitzt, kann wirtschaftliche Krisen leichter überstehen, Risiken eingehen, Unternehmen gründen, Experten beschäftigen und politische oder gesellschaftliche Interessen professionell vertreten lassen. Er kann Entscheidungen ablehnen, weil seine wirtschaftliche Existenz nicht unmittelbar davon abhängt.
Wer dagegen nahezu ausschließlich von seinem laufenden Arbeitseinkommen oder seiner Rente lebt, besitzt diese Freiheit kaum. Arbeitsplatzverlust, Krankheit, Inflation oder politische Entscheidungen können seine finanzielle Lage unmittelbar gefährden. Wirtschaftliche Abhängigkeit schafft damit zwangsläufig auch gesellschaftliche Abhängigkeit.
Eine freiheitliche Demokratie kann erhebliche Vermögensunterschiede verkraften. Kritisch wird es jedoch, wenn sich wirtschaftliche Macht zunehmend in politischen Einfluss übersetzt und gleichzeitig große Teile der Bevölkerung kaum noch in der Lage sind, selbst Vermögen aufzubauen. Dann wird aus Vermögensungleichheit schrittweise Machtungleichheit.
Das ist die eigentliche gesellschaftliche Gefahr.
Nicht Reichtum ist das Problem, sondern fehlende Vermögens- und Finanzbildung
Die Antwort auf diese Entwicklung kann nicht darin bestehen, Vermögen zu bekämpfen. Eine Marktwirtschaft benötigt Kapital, Eigentum, Unternehmer, Investoren und Menschen, die bereit sind, wirtschaftliche Risiken einzugehen. Eine Gesellschaft wird nicht wohlhabender, indem sie erfolgreiche Vermögensbildung verhindert.
Die entscheidende Aufgabe besteht vielmehr darin, deutlich mehr Menschen überhaupt wieder Vermögensbildung zu ermöglichen.
Eine freiheitliche Wirtschaftsordnung sollte möglichst viele Bürger zu Eigentümern machen. Arbeitnehmer sollten nicht ihr gesamtes Erwerbsleben darauf beschränkt bleiben, Einkommen zu erzielen, Steuern und Abgaben zu bezahlen und den verbleibenden Rest zu konsumieren. Sie müssen die reale Möglichkeit besitzen, einen Teil ihrer wirtschaftlichen Leistung dauerhaft in eigenes produktives Vermögen umzuwandeln.
Dafür braucht es ausreichendes verfügbares Einkommen, niedrigere Belastungen der Arbeit, eine steuerliche Behandlung langfristiger Kapitalbildung, die Vermögensaufbau unterstützt statt erschwert, und eine deutlich stärkere Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten am Produktivvermögen der Volkswirtschaft.
Denn langfristig entscheidet nicht das Einkommen allein darüber, ob Menschen wirtschaftlich frei sind. Entscheidend ist, ob sie aus diesem Einkommen Eigentum und Kapital bilden können.
Deutschland produziert noch immer enormen Wohlstand. Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob dieser Wohlstand vorhanden ist. Die entscheidende Frage lautet, wem er gehört und wer die Chance besitzt, daran dauerhaft zu partizipieren.
Wir verarmen mit System nicht deshalb, weil unsere Volkswirtschaft keinen Wohlstand mehr erzeugt. Wir verarmen mit System, weil für immer mehr Menschen der Weg vom Arbeitseinkommen zum eigenen Vermögen versperrt wird, während vorhandenes Kapital immer bessere Voraussetzungen besitzt, sich weiter zu vermehren.
Wenn eine Gesellschaft diese Entwicklung dauerhaft hinnimmt, wächst nicht nur die Vermögensungleichheit. Am Ende verändert sich auch die Verteilung gesellschaftlicher und politischer Macht.
Und genau deshalb ist die Vermögensfrage eine der entscheidenden wirtschaftspolitischen Fragen unserer Zeit.
Doch inzwischen geht es um mehr als Vermögensverteilung
Die bisherige Betrachtung beschreibt vor allem, wie Wohlstand innerhalb einer Volkswirtschaft verteilt wird. Doch inzwischen tritt ein zweites Problem hinzu, das langfristig noch schwerer wiegen könnte: Deutschland gefährdet zunehmend die wirtschaftliche Grundlage, auf der dieser Wohlstand überhaupt entsteht. Ein Land kann über Verteilungspolitik streiten, solange genügend Wertschöpfung vorhanden ist. Wenn jedoch industrielle Produktion, Investitionen, qualifizierte Arbeitskräfte und unternehmerisches Kapital abwandern, wird irgendwann nicht mehr darüber entschieden, wie Wohlstand verteilt wird, sondern nur noch darüber, wie Mangel verteilt werden soll.
Die Belastungen addieren sich. Deutschland finanziert einen großen und weiter wachsenden Staatsapparat, seine alternden Sozialversicherungssysteme, hohe Ausgaben für Migration und Integration, die Transformation des Energiesystems, zusätzliche Infrastrukturprogramme, stark steigende Verteidigungsausgaben und umfangreiche Hilfen für die Ukraine. Gleichzeitig verursachen europäische und nationale Regulierung erhebliche Bürokratiekosten. Unternehmen kämpfen mit langwierigen Genehmigungsverfahren, hohen Energiepreisen, fehlendem Wohnraum für Beschäftigte, einer teilweise unzureichenden Infrastruktur und einem Steuer- und Abgabensystem, das Arbeit und unternehmerische Tätigkeit erheblich belastet.
Jede dieser politischen Aufgaben mag für sich begründet werden. Volkswirtschaftlich gilt jedoch eine unerbittliche Regel: Ressourcen sind begrenzt. Geld, Arbeitskraft, Kapital und politische Aufmerksamkeit können nicht beliebig oft verwendet werden. Ein Staat kann deshalb langfristig nicht immer neue Verpflichtungen eingehen, ohne sich gleichzeitig mit der Frage auseinanderzusetzen, wer die dafür notwendige Wertschöpfung künftig erwirtschaften soll.
Aufrüstung und Ukrainepolitik: Meine pazifistische Position
Zu diesen neuen Verpflichtungen gehören die massiv steigenden Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben. Für 2026 sind im Bundeshaushalt rund 100,9 Milliarden Euro für Verteidigung und sicherheitsrelevante Bereiche vorgesehen. Davon werden 57,6 Milliarden Euro aufgrund der neuen grundgesetzlichen Regelung außerhalb der regulären Begrenzung der Schuldenbremse kreditfinanziert. Das Bundesfinanzministerium stellt selbst fest, dass der Anstieg dieser Ausgaben maßgeblich für das höhere Finanzierungsdefizit und die höhere Nettokreditaufnahme verantwortlich ist.
Auch die Unterstützung der Ukraine hat inzwischen eine erhebliche finanzielle Dimension erreicht. Nach Angaben der Bundesregierung hat Deutschland seit Beginn des russischen Angriffs im Februar 2022 mehr als 43 Milliarden Euro bilaterale zivile und rund 57,6 Milliarden Euro militärische Unterstützung geleistet beziehungsweise für die kommenden Jahre bereitgestellt.
An dieser Stelle will ich mich nicht hinter einer vermeintlich neutralen Formulierung verstecken. Ich bin Pazifist und verstehe mich als Friedensaktivist. Die Belieferung der Ukraine mit Waffen und Kriegsmaterial lehne ich entschieden ab. Aus meiner persönlichen Sicht erhöht eine Politik fortgesetzter militärischer Eskalation die Gefahr, dass aus dem Krieg in der Ukraine irgendwann eine direkte Konfrontation zwischen Russland und NATO-Staaten entsteht und der heiße Krieg auf weitere Teile Europas übergreift.
Diese Haltung bedeutet für mich nicht, den russischen Angriff auf die Ukraine zu rechtfertigen. Ein Angriffskrieg bleibt ein Angriffskrieg. Aber die Verurteilung eines Krieges verpflichtet nach meinem Verständnis nicht dazu, ihn durch eine fortgesetzte Lieferung immer leistungsfähigerer Waffensysteme weiterzuführen. Mein pazifistisches Verständnis führt zu einer anderen Konsequenz: Gerade bei einem Krieg, an dem eine nuklear bewaffnete Großmacht beteiligt ist, muss Diplomatie Vorrang vor militärischer Eskalation haben.
Die nuklearen Kräfteverhältnisse dürfen dabei nicht ausgeblendet werden. Russland und die Vereinigten Staaten besitzen nach den aktuellen Daten des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI zusammen fast 86 Prozent aller nuklearen Sprengköpfe weltweit. Gleichzeitig modernisieren beide Staaten ihre Arsenale, während China seine nuklearen Fähigkeiten ebenfalls erheblich ausbaut. SIPRI warnt ausdrücklich vor steigenden Risiken von Fehlkalkulationen und nuklearer Eskalation.
Aus meiner Sicht ist deshalb die Vorstellung problematisch, der Krieg könne wie ein gewöhnlicher konventioneller Konflikt bis zu einem eindeutigen militärischen Sieg einer Seite geführt werden. Russland betrachtet seine Stellung im postsowjetischen Raum und sein Verhältnis zur NATO als elementare strategische Fragen. Gleichzeitig besitzt China ein eigenes Interesse daran, dass sich das globale Kräfteverhältnis nicht dauerhaft und eindeutig zugunsten der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten verschiebt. Daraus folgt nicht, dass Russland und China in allen Fragen dieselben Interessen verfolgen. Es bedeutet aber, dass eine schwere strategische Niederlage Russlands geopolitische Folgen hätte, die weit über die Ukraine hinausreichen würden.
Ich halte deshalb eine Politik für gefährlich, die den Eindruck vermittelt, ein militärischer Sieg über eine nukleare Großmacht sei eine kalkulierbare politische Option. Je stärker eine Atommacht ihre grundlegenden Sicherheits- und Machtinteressen bedroht sieht, desto größer wird das Risiko einer Eskalation, die irgendwann nicht mehr politisch kontrollierbar ist. Eine deutsche Friedenspolitik müsste aus meiner Sicht deshalb alles daransetzen, Verhandlungen, Sicherheitsgarantien, Interessenausgleich und eine neue europäische Sicherheitsordnung zu ermöglichen.
Neben dieser grundsätzlichen pazifistischen Position existiert eine wirtschaftliche Realität. Aufrüstung und Waffenlieferungen müssen bezahlt werden. Werden diese Ausgaben über zusätzliche Kredite finanziert, entstehen daraus zukünftige Zins- und Tilgungsverpflichtungen. Das Bundesfinanzministerium plant bereits für die kommenden Jahre einen weiteren starken Anstieg der verteidigungsbezogenen kreditfinanzierten Ausgaben. Für 2027 sind in der entsprechenden Bereichsausnahme rund 125 Milliarden Euro vorgesehen, für 2030 nach den derzeitigen Eckwerten mehr als 196 Milliarden Euro.
Diese Mittel stehen volkswirtschaftlich nicht außerhalb der übrigen Staatsfinanzen. Auch militärische Schulden müssen künftig von Arbeitnehmern und Unternehmen erwirtschaftet werden. Jeder zusätzliche Zinsanspruch konkurriert mit Bildung, Infrastruktur, Renten, Wohnungsbau, Forschung und der Entlastung privater Haushalte um dieselben zukünftigen Steuereinnahmen.
Nicht hohe Löhne sind das Standortproblem
Auch bei den Arbeitskosten ist eine präzise Betrachtung notwendig. Der häufig wiederholte Hinweis auf hohe deutsche Löhne oder hohe Lohnnebenkosten führt in die Irre, wenn er isoliert betrachtet wird. Entscheidend für die internationale Wettbewerbsfähigkeit ist nicht, was eine Arbeitsstunde kostet, sondern welcher wirtschaftliche Wert innerhalb dieser Stunde geschaffen wird. Maßgeblich sind deshalb die Lohnstückkosten, also das Verhältnis zwischen den Kosten der Arbeit und ihrer Produktivität.
Ein hochbezahlter Arbeitnehmer kann für ein Unternehmen international äußerst wettbewerbsfähig sein, wenn seine Produktivität entsprechend hoch ist. Umgekehrt kann selbst ein niedriger Lohn wirtschaftlich teuer sein, wenn die Produktivität gering ist. Genau auf diesem Verhältnis beruhte über Jahrzehnte ein wesentlicher Teil der deutschen Exportstärke.
Die gegenwärtige Entwicklung wird jedoch problematisch, weil die Produktivität nur noch schwach wächst. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes erhöhte sich die Arbeitsproduktivität je geleisteter Arbeitsstunde 2025 gesamtwirtschaftlich lediglich um 0,4 Prozent. Gleichzeitig stieg das Arbeitnehmerentgelt je Stunde um 4,9 Prozent. Dadurch erhöhten sich die Lohnstückkosten um 4,5 Prozent. Im produzierenden Gewerbe nahm die Produktivität zwar um 0,7 Prozent zu, die Lohnstückkosten stiegen aber ebenfalls um 3,3 Prozent.
Das bedeutet nicht, dass Arbeitnehmer zu viel verdienen. Genau diese Schlussfolgerung wäre falsch. Deutschlands eigentliches Problem besteht darin, dass Produktivität und Wertschöpfung mit der Kostenentwicklung nicht mehr ausreichend Schritt halten.
Zugleich entsteht eine paradoxe Situation. Für Unternehmen wird Beschäftigung teurer, ohne dass die Arbeitnehmer im selben Umfang wohlhabender werden. Steigende Sozialbeiträge erhöhen die gesamten Arbeitskosten, während sie gleichzeitig das verfügbare Nettoeinkommen reduzieren. Hinzu kommen hohe Wohn-, Energie- und Lebenshaltungskosten. Der Arbeitgeber zahlt mehr, während beim Beschäftigten relativ wenig zusätzliche Kaufkraft ankommt.
Die richtige wirtschaftspolitische Antwort kann deshalb nicht darin bestehen, Löhne zu senken. Das würde die ohnehin schwache Binnennachfrage weiter beschädigen und den privaten Vermögensaufbau zusätzlich erschweren. Deutschland muss seine Produktivität erhöhen. Dafür braucht es Investitionen, moderne Infrastruktur, technologische Innovation, verlässliche Energieversorgung, bessere Bildung, weniger administrative Reibungsverluste und schnellere Genehmigungsverfahren.
Nicht Arbeit muss billiger werden. Deutschland muss produktiver werden.
Bürokratie bindet Kapital, ohne Wohlstand zu schaffen
Ein erheblicher Teil des deutschen Standortproblems liegt inzwischen auch in der Regulierung. Unternehmen müssen wachsende personelle und finanzielle Ressourcen dafür einsetzen, Dokumentations-, Melde-, Nachweis-, Datenschutz-, Nachhaltigkeits-, Steuer- und Berichtspflichten zu erfüllen. Nationale Vorschriften überlagern sich dabei zunehmend mit europäischer Regulierung.
Diese Kosten treffen nicht jedes Unternehmen gleich. Ein internationaler Konzern kann eigene Rechts-, Steuer-, Compliance- und Nachhaltigkeitsabteilungen beschäftigen. Für einen mittelständischen Betrieb mit 50 oder 100 Mitarbeitern bedeuten dieselben Anforderungen eine wesentlich größere relative Belastung. Arbeitszeit, die in Formulare, Nachweise und Berichte fließt, steht nicht für Produktion, Innovation, Kundenbetreuung oder Ausbildung zur Verfügung.
Damit besitzt überbordende Bürokratie sogar eine verteilungspolitische Komponente. Sie begünstigt Größe. Je komplexer das regulatorische Umfeld wird, desto leichter können große Unternehmen dessen Fixkosten tragen. Kleine und mittlere Unternehmen dagegen verlieren einen immer größeren Teil ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit an administrative Aufgaben. Das ist besonders problematisch für Deutschland, dessen wirtschaftliches Fundament gerade auf einem starken Mittelstand beruht.
Energie entscheidet über industrielle Wettbewerbsfähigkeit
Hinzu kommen die Energiekosten. Für private Haushalte bedeuten hohe Strom- und Heizkosten weniger verfügbares Einkommen. Für die Industrie können sie über den Fortbestand eines gesamten Standorts entscheiden.
Besonders energieintensive Branchen wie Chemie, Metall, Papier, Glas, Keramik oder Grundstoffindustrie konkurrieren international. Für sie ist deshalb nicht entscheidend, ob Strom heute wieder günstiger ist als auf dem Höhepunkt der Energiekrise. Entscheidend ist, ob ein Unternehmen in Deutschland dauerhaft zu Kosten produzieren kann, die gegenüber Standorten in Nordamerika, Asien oder anderen Teilen Europas wettbewerbsfähig sind.
Wenn Energie strukturell teuer bleibt, verliert Deutschland nicht zwangsläufig sofort ganze Industrien. Der Prozess beginnt viel unspektakulärer. Eine nächste Produktionslinie wird nicht mehr in Deutschland gebaut. Eine bestehende Anlage wird am Ende ihrer Lebensdauer nicht ersetzt. Forschung folgt irgendwann der Produktion. Zulieferer verlieren Aufträge. Junge Fachkräfte gehen dorthin, wo investiert wird.
Deindustrialisierung findet deshalb selten über Nacht statt. Sie vollzieht sich schleichend durch unterlassene Ersatzinvestitionen und die Verlagerung zukünftiger Wertschöpfung.
Fehlender Wohnraum wird zum Standortnachteil
Auch der Wohnungsmangel ist längst nicht mehr nur ein soziales Problem. Er ist ein wirtschaftlicher Standortfaktor. Unternehmen können Fachkräfte nur gewinnen, wenn diese in wirtschaftlich starken Regionen auch wohnen können. Ein attraktives Bruttoeinkommen verliert einen erheblichen Teil seines Wertes, wenn ein Arbeitnehmer in München, Frankfurt, Hamburg oder anderen Ballungsräumen einen unverhältnismäßig großen Teil seines Nettoeinkommens für Wohnraum aufwenden muss.
Damit schließt sich erneut der Kreis zur Vermögensbildung. Hohe Mieten vernichten Sparfähigkeit. Menschen mit bereits vorhandenem Wohneigentum profitieren dagegen häufig von steigenden Immobilienwerten. Dieselbe Entwicklung, die für den Mieter die Möglichkeit zum Vermögensaufbau reduziert, kann auf der Vermögensseite den Wert bereits vorhandenen Eigentums erhöhen.
Deutschland verliert eigene Bürger
Besonders nachdenklich sollte eine weitere Entwicklung stimmen. Im Jahr 2025 zogen rund 288.600 deutsche Staatsangehörige aus Deutschland fort, während etwa 191.900 zurückkehrten oder neu zuzogenen. Unter dem Strich verlor Deutschland damit rund 96.700 deutsche Staatsbürger an das Ausland.
Diese Statistik beweist nicht, dass alle Fortziehenden hochqualifizierte Fachkräfte sind. Eine solche Behauptung wäre nicht seriös. Aber sie zeigt einen Trend, der für ein alterndes Land mit zunehmendem Fachkräftebedarf nicht gleichgültig sein kann.
Menschen, die international mobil sind, über gute Qualifikationen verfügen, mehrere Sprachen sprechen oder unternehmerisch tätig sind, können ihren Wohn- und Arbeitsort leichter verlagern als andere. Wenn ein Staat Arbeit, Unternehmertum und Vermögensbildung immer stärker belastet, während gleichzeitig Lebenshaltungskosten, Wohnkosten und regulatorische Anforderungen steigen, verändert sich irgendwann die individuelle Kosten-Nutzen-Rechnung.
Für einen gut qualifizierten Arbeitnehmer stellt sich dann nicht mehr nur die Frage, welchen Bruttolohn ein Arbeitgeber anbietet. Er vergleicht verfügbares Einkommen, Steuern, Sozialabgaben, Wohnkosten, öffentliche Infrastruktur, Schulen, Sicherheit, Bürokratie und langfristige Zukunftschancen.
Ein Land, das im internationalen Wettbewerb um Menschen steht, kann diese Faktoren nicht ignorieren.
Migration löst das demografische Problem nicht
Parallel dazu setzt Deutschland seit Jahren stark auf Zuwanderung, um die Folgen des demografischen Wandels abzufedern. Der dahinterstehende Gedanke ist zunächst plausibel: Wenn die einheimische Bevölkerung altert und die Zahl der Erwerbstätigen sinkt, sollen zusätzliche Menschen im Erwerbsalter die Zahl der Steuer- und Beitragszahler erhöhen.
Diese Rechnung funktioniert jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen. Zuwanderer müssen ausreichend schnell in qualifizierte Beschäftigung gelangen, produktive Einkommen erzielen und über lange Zeit Steuern und Sozialversicherungsbeiträge entrichten. Die bloße Zahl der Menschen, die nach Deutschland kommen, sagt deshalb fast nichts über ihren Beitrag zur Stabilisierung des Sozialstaates aus.
Genau darauf weist auch die zugrunde liegende Untersuchung zur Generationenbilanz hin. Im dort untersuchten Referenzszenario mit einer jährlichen Nettozuwanderung von rund 293.000 Menschen und einer angenommenen Integrationsdauer von sechs Jahren steigt die langfristige Nachhaltigkeitslücke gegenüber einem Szenario ohne zukünftige Zuwanderung erheblich. Entscheidend ist dabei ausdrücklich nicht die Herkunft eines Menschen, sondern seine fiskalische Bilanz.
Wer als Ingenieur, Arzt, Handwerker, Pflegekraft, Unternehmer oder anderer qualifizierter Beschäftigter nach Deutschland kommt, schnell Arbeit findet und dauerhaft Steuern und Beiträge zahlt, stärkt die Volkswirtschaft und die Finanzierung des Sozialstaates. Wer dagegen über lange Zeit nicht oder nur geringfügig beschäftigt ist und gleichzeitig Leistungen für Lebensunterhalt, Unterkunft, Gesundheit und Familie bezieht, stellt fiskalisch eine Belastung dar. Das ist keine moralische Bewertung eines Menschen, sondern eine volkswirtschaftliche Bilanz.
Deshalb führt auch die häufig verwendete Gegenüberstellung zwischen „Migration“ und „keiner Migration“ in die Irre. Die entscheidende Frage lautet: Welche Migration?
Deutschland benötigt angesichts seiner demografischen Entwicklung qualifizierte Einwanderung. Eine Migrationspolitik, die den Sozialstaat stabilisieren soll, muss deshalb Qualifikation, Arbeitsmarktintegration und langfristige fiskalische Wirkung ins Zentrum stellen. Die Zahl der Zuwanderer allein ist kein wirtschaftspolitischer Erfolg.
Problematisch wird es, wenn gleichzeitig gut qualifizierte und wirtschaftlich mobile Menschen das Land verlassen und ein erheblicher Teil der Zuwanderung zunächst oder dauerhaft zusätzliche staatliche Transferausgaben verursacht. Dann kann eine paradoxe Situation entstehen: Deutschland verliert Nettozahler beziehungsweise potenzielle Nettozahler und gewinnt gleichzeitig zusätzliche Leistungsansprüche.
Langfristig lässt sich ein umlagefinanzierter Sozialstaat auf diese Weise nicht stabilisieren.
Der Sozialstaat gerät von mehreren Seiten unter Druck
Deutschland steht damit vor einer demografischen und fiskalischen Doppelbelastung. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in den Ruhestand. Damit sinkt das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Leistungsempfängern. Gleichzeitig steigen aufgrund einer alternden Bevölkerung die Ausgaben für Rente, Gesundheit und Pflege.
Wenn zusätzliche Zuwanderung diese Entwicklung kompensieren soll, muss sie fiskalisch einen positiven Beitrag leisten. Gelingt dies nicht in ausreichendem Umfang, steigt die Belastung der bestehenden Beitragszahler weiter.
Eine zusätzliche Finanzierungslücke kann nur auf wenige Arten geschlossen werden: durch höhere Steuern, höhere Sozialversicherungsbeiträge, niedrigere Leistungen, längere Lebensarbeitszeiten, zusätzliche Staatsverschuldung oder eine Kombination daraus. Genau darauf weist auch die Generationenbilanz hin.
In der Realität erleben die Bürger diese Entwicklung bereits. Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung steigen. Gleichzeitig werden Diskussionen über Eigenbeteiligungen, Leistungsbegrenzungen, höhere Renteneintrittsalter und zusätzliche private Vorsorge geführt. Damit verlangt das System ausgerechnet von denjenigen immer mehr Eigenvorsorge, deren verfügbares Einkommen durch dieselben steigenden Abgaben reduziert wird.
Auch hier entsteht eine sich selbst verstärkende Wirkung: Je höher die Sozialabgaben, desto geringer die private Sparfähigkeit. Je geringer die Sparfähigkeit, desto weniger Menschen können privat für Alter und Pflege vorsorgen. Je weniger privates Vermögen vorhanden ist, desto stärker bleibt die Abhängigkeit von den umlagefinanzierten staatlichen Systemen.
Gleichzeitig verliert die Industrie Arbeitsplätze
Die wirtschaftlichen Folgen der Standortprobleme sind inzwischen sichtbar. Im Jahr 2025 sank die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe um rund 177.000. Ende des Jahres arbeiteten dort noch rund 6,5 Millionen Menschen. Besonders betroffen waren zentrale deutsche Industriebranchen: In der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen gingen rund 52.000 Stellen verloren, im Maschinenbau etwa 28.000 und bei Metallerzeugnissen rund 24.000.
Diese Zahlen beweisen nicht, dass sämtliche verlorenen Arbeitsplätze auf Energiepolitik, Bürokratie oder Steuern zurückzuführen sind. Strukturwandel, Digitalisierung, internationale Konkurrenz und technologische Veränderungen spielen ebenfalls eine Rolle. Aber die Entwicklung zeigt, dass die industrielle Basis Deutschlands keineswegs selbstverständlich ist.
Industriearbeitsplätze besitzen zudem eine besondere volkswirtschaftliche Bedeutung. Ein Industrieunternehmen beschäftigt nicht nur seine eigenen Mitarbeiter. Um jeden Produktionsstandort existieren Zulieferer, Logistikunternehmen, Handwerker, Ingenieurbüros, Dienstleister, Gastronomie und Handel. Industrielle Wertschöpfung erzeugt deshalb erhebliche Multiplikatoreffekte.
Geht ein Werk verloren, verschwindet nicht nur die unmittelbare Beschäftigung. Die gesamte regionale Wertschöpfungskette wird geschwächt.
Unternehmensinsolvenzen steigen deutlich
Parallel nimmt die Zahl der Unternehmensinsolvenzen zu. Im Jahr 2025 registrierten die Amtsgerichte 24.064 Unternehmensinsolvenzen. Das waren 10,3 Prozent mehr als 2024. Bereits im Jahr zuvor war die Zahl um 22,4 Prozent gestiegen, nachdem sie auch 2023 um 22,1 Prozent zugenommen hatte. Ein höheres Niveau hatte Deutschland zuletzt 2014 verzeichnet.
Auch hier wäre es unseriös, jede Insolvenz unmittelbar der Wirtschaftspolitik zuzuschreiben. Unternehmen scheitern aus vielen Gründen. Dennoch können drei aufeinanderfolgende Jahre mit kräftig steigenden Unternehmensinsolvenzen nicht einfach als statistisches Rauschen abgetan werden.
Besonders gefährlich wird es, wenn Insolvenzen, Investitionsschwäche, Arbeitsplatzverluste im verarbeitenden Gewerbe und die Verlagerung zukünftiger Produktionskapazitäten gleichzeitig auftreten. Dann entsteht schrittweise jene Entwicklung, die häufig mit dem Begriff Deindustrialisierung beschrieben wird.
Wenn der Standort kippt, beginnt eine Abwärtsspirale
Eine Volkswirtschaft kann hohe Steuern und Sozialleistungen finanzieren, solange ihre produktive Basis leistungsfähig genug ist. Verliert sie jedoch Unternehmen, Investitionen und qualifizierte Beschäftigte, beginnt ein gefährlicher Kreislauf.
Ein Unternehmen reduziert seine Produktion oder verlagert Investitionen. Arbeitsplätze verschwinden. Der Staat verliert Einkommen-, Unternehmens- und Verbrauchsteuern. Gleichzeitig steigen seine Ausgaben für Arbeitslosigkeit und soziale Transfers. Kommunen verlieren Gewerbesteuereinnahmen. Zulieferer geraten unter Druck. Die Kaufkraft einer Region sinkt.
Versucht der Staat anschließend, diese Einnahmeverluste durch höhere Steuern und Sozialabgaben bei den verbliebenen Unternehmen und Beschäftigten auszugleichen, verschlechtert er deren Standortbedingungen weiter.
Dann beginnt die Spirale von Neuem.
Dasselbe gilt für qualifizierte Arbeitnehmer. Je stärker die verbleibenden Erwerbstätigen belastet werden, weil immer höhere Sozial- und Staatsausgaben auf immer weniger produktive Schultern verteilt werden, desto attraktiver wird für mobile Arbeitnehmer die Alternative Ausland. Verlässt ein gut qualifizierter Steuerzahler Deutschland, verteilt sich die bestehende Last anschließend auf weniger Menschen.
Auf diese Weise kann aus einer fiskalischen Belastung irgendwann ein selbstverstärkender Prozess werden.
Eine Volkswirtschaft kann nicht dauerhaft mehr verteilen, als sie erwirtschaftet
Damit führt die gesamte Argumentation zu einer sehr einfachen Erkenntnis zurück: Ein Sozialstaat kann nur verteilen, was zuvor erwirtschaftet wurde. Ein Staat kann Schulden nur bedienen, wenn seine zukünftige Volkswirtschaft die dafür notwendigen Steuererträge erwirtschaftet. Renten, Krankenversicherung, Pflege, Bürgergeld, Migration, Verteidigung, Infrastruktur und Klimapolitik stehen deshalb nicht unabhängig nebeneinander. Sie konkurrieren letztlich um dieselbe wirtschaftliche Wertschöpfung.
Politik erweckt häufig den Eindruck, als ließen sich diese Zielkonflikte durch neue Sondervermögen, neue Kreditregeln oder zusätzliche Abgaben lösen. Doch Sondervermögen ist kein zusätzliches Vermögen. Staatliche Verschuldung schafft keine zusätzlichen realen Ressourcen. Sie verschiebt lediglich deren Finanzierung in die Zukunft.
Irgendjemand muss am Ende arbeiten, produzieren, investieren und Steuern zahlen.
Deshalb lautet für mich die entscheidende Frage nicht mehr nur, wie viel Deutschland für einzelne politische Ziele ausgeben möchte. Die entscheidende Frage lautet:
Wer soll all diese Verpflichtungen in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren noch erwirtschaften?
Deutschland braucht deshalb eine grundsätzliche Neuorientierung. Nicht immer neue Belastungen der produktiven Mitte, sondern mehr wirtschaftliche Freiheit. Nicht immer mehr Bürokratie, sondern einfachere Regeln. Nicht eine Politik, die hohe Kosten lediglich umverteilt, sondern eine Politik, die Produktivität erhöht. Nicht ein Sozialstaat, dessen Leistungsversprechen schneller wachsen als seine Finanzierungsbasis, sondern ein System, das langfristig tragfähig bleibt. Nicht irgendeine Migration, sondern eine Zuwanderungspolitik, die tatsächlich qualifizierte Beschäftigung und wirtschaftliche Integration fördert. Und aus meiner persönlichen pazifistischen Überzeugung heraus auch eine Außenpolitik, die Diplomatie und Interessenausgleich über eine immer weitere militärische Eskalation stellt.
Vor allem aber muss die breite Bevölkerung wieder die Möglichkeit erhalten, eigenes produktives Vermögen aufzubauen.
Denn eine Gesellschaft, in der der Staat immer mehr verteilt, große Vermögen sich immer leichter vermehren können und gleichzeitig die arbeitende Mitte immer weniger Kapital aufbauen kann, wird langfristig nicht stabil bleiben.
Deutschland verarmt nicht deshalb, weil seine Menschen zu wenig leisten. Die Beschäftigten arbeiten, Unternehmer investieren, Fachkräfte entwickeln Produkte, Handwerker bauen, Ingenieure konstruieren und der Mittelstand trägt einen erheblichen Teil der wirtschaftlichen Leistung.
Das Problem ist, dass ein immer größerer Teil dieser Leistung abgeschöpft, umverteilt oder durch steigende Systemkosten gebunden wird, bevor daraus privates Vermögen und neue produktive Investitionen entstehen können.
Noch gefährlicher wird die Entwicklung, wenn gleichzeitig jene Unternehmen und Menschen das Land verlassen, die die zukünftige Wertschöpfung tragen sollen.
Wir verarmen mit System, wenn wir diejenigen immer stärker belasten, die arbeiten, investieren, Unternehmen führen und Vermögen bilden, während wir gleichzeitig immer größere Verpflichtungen eingehen, ohne deren langfristige Finanzierung zu sichern.
Eine Volkswirtschaft kann ihre produktive Basis nicht dauerhaft schwächen und gleichzeitig immer höhere Ansprüche an sie stellen. Der entscheidende Wendepunkt ist deshalb nicht erst erreicht, wenn Deutschland statistisch arm geworden ist. Er ist erreicht, wenn Unternehmer, Investoren und gut qualifizierte Menschen zu dem Schluss kommen, dass es für sie attraktiver ist, den Wohlstand von morgen nicht mehr in Deutschland, sondern anderswo zu schaffen. Dann verlieren wir nicht nur Einkommen. Dann verlieren wir die Grundlage unseres zukünftigen Wohlstands.