Wie Durchschnittswerte den wahren Wohlstand der Bevölkerung verschleiern
Deutschland sei eines der reichsten Länder der Welt. Dieser Satz gehört zum festen Sprachbestand von Politik und Medien. Er wird verwendet, wenn neue Ausgaben begründet, internationale Zahlungen gerechtfertigt oder zusätzliche Belastungen der Bürger als zumutbar dargestellt werden. Doch die Behauptung beruht auf einer folgenreichen Verwechslung: Die Größe einer Volkswirtschaft ist nicht identisch mit dem Wohlstand ihrer Bevölkerung.
Der UBS Global Wealth Report 2026 legt diese Verwechslung offen. Beim durchschnittlichen Vermögen je Erwachsenem erreicht Deutschland mit 346.613 US-Dollar Rang 14. Das klingt nach Wohlstand. Beim Medianvermögen, also bei dem Wert, der die Vermögenslage des Bürgers in der Mitte der Gesellschaft beschreibt, fällt Deutschland jedoch auf Rang 30 zurück. Der Median beträgt nur 53.485 US-Dollar. In der veröffentlichten Tabelle liegen damit sämtliche 29 anderen Länder vor Deutschland.
Die Wahrheit ist unbequem: Deutschland ist eine große Volkswirtschaft. Deutschland verfügt über eine kleine Gruppe außerordentlich vermögender Menschen. Die breite Bevölkerung ist im internationalen Vergleich jedoch keineswegs wohlhabend. Wer dennoch vom reichen Deutschland spricht und damit den Wohlstand der Bürger meint, vermittelt ein falsches Bild.
Nicht das Durchschnittsvermögen zeigt den Wohlstand der Bevölkerung. Entscheidend ist das Medianvermögen. Und dort belegt Deutschland nur Rang 30.
Vermögen je Erwachsenem in US-Dollar: Die 30 höchsten Werte
Quelle: UBS Global Wealth Report 2026. Werte zum Jahresende 2025. Deutschland ist hervorgehoben.
| Rang | Land | Durchschnitt (USD) | Rang | Land | Median (USD) |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Schweiz | 910.382 | 1 | Luxemburg | 394.005 |
| 2 | Vereinigte Staaten | 696.277 | 2 | Belgien | 277.166 |
| 3 | Luxemburg | 654.732 | 3 | Australien | 210.783 |
| 4 | Hongkong SAR | 648.267 | 4 | Neuseeland | 206.617 |
| 5 | Australien | 616.306 | 5 | Dänemark | 203.771 |
| 6 | Singapur | 527.217 | 6 | Hongkong SAR | 187.968 |
| 7 | Dänemark | 523.344 | 7 | Kanada | 147.811 |
| 8 | Neuseeland | 449.852 | 8 | Schweiz | 145.555 |
| 9 | Norwegen | 425.391 | 9 | Norwegen | 140.003 |
| 10 | Niederlande | 415.287 | 10 | Japan | 135.745 |
| 11 | Belgien | 407.920 | 11 | Italien | 131.001 |
| 12 | Schweden | 406.406 | 12 | Niederlande | 127.407 |
| 13 | Kanada | 399.886 | 13 | Vereinigtes Königreich | 125.335 |
| 14 | Deutschland | 346.613 | 14 | Frankreich | 121.898 |
| 15 | Frankreich | 341.359 | 15 | Malta | 114.033 |
| 16 | Taiwan | 332.533 | 16 | Taiwan | 113.137 |
| 17 | Irland | 314.167 | 17 | Spanien | 111.575 |
| 18 | Israel | 312.108 | 18 | Südkorea | 101.739 |
| 19 | Südkorea | 311.260 | 19 | Irland | 98.413 |
| 20 | Spanien | 306.412 | 20 | Singapur | 96.434 |
| 21 | Vereinigtes Königreich | 292.808 | 21 | Katar | 95.499 |
| 22 | Österreich | 279.989 | 22 | Finnland | 89.695 |
| 23 | Italien | 279.439 | 23 | Schweden | 84.039 |
| 24 | Japan | 211.846 | 24 | Israel | 83.843 |
| 25 | Finnland | 209.135 | 25 | Slowenien | 81.366 |
| 26 | Portugal | 195.761 | 26 | Portugal | 76.978 |
| 27 | Katar | 188.505 | 27 | Österreich | 71.378 |
| 28 | Malta | 163.655 | 28 | Vereinigte Staaten | 68.998 |
| 29 | Vereinigte Arabische Emirate | 157.612 | 29 | Griechenland | 59.162 |
| 30 | Griechenland | 143.343 | 30 | Deutschland | 53.485 |
Deutschland auf einen Blick
| Durchschnittsvermögen | Rang Durchschnitt | Medianvermögen | Rang Median |
|---|---|---|---|
| 346.613 US-Dollar | 14 | 53.485 US-Dollar | 30 — letzter Platz |
Der entscheidende Unterschied: Durchschnitt ist nicht Wirklichkeit
Das Durchschnittsvermögen wird berechnet, indem das gesamte private Nettovermögen eines Landes durch die Zahl der Erwachsenen geteilt wird. Mathematisch ist das korrekt. Als Maßstab für den Wohlstand der allgemeinen Bevölkerung ist dieser Wert jedoch höchst irreführend, sobald Vermögen stark ungleich verteilt ist.
Ein einfaches Beispiel genügt. Neun Menschen besitzen jeweils 50.000 Euro. Eine weitere Person besitzt drei Millionen Euro. Zusammen verfügen diese zehn Menschen über 3.450.000 Euro. Das Durchschnittsvermögen beträgt deshalb 345.000 Euro. Wer nur diesen Durchschnitt nennt, könnte den Eindruck erwecken, alle zehn seien wohlhabend. Tatsächlich besitzen neun von zehn Menschen lediglich 50.000 Euro.
Genau diese Verzerrung entsteht in Deutschland im großen Maßstab. Die Vermögen von Milliardären, Multimillionären und anderen sehr vermögenden Haushalten werden rechnerisch auf alle Erwachsenen verteilt. Auf dem Papier wird dadurch jeder Bürger ein Stück reicher. In der Wirklichkeit hat er keinen Zugriff auf einen einzigen Euro dieser fremden Vermögen.
Das Medianvermögen beantwortet dagegen die einzig sinnvolle Frage: Wie viel besitzt der Erwachsene genau in der Mitte der Vermögensverteilung? Dazu werden alle Erwachsenen nach der Höhe ihres Nettovermögens geordnet. Der Wert in der Mitte ist der Median. Die eine Hälfte besitzt mehr, die andere Hälfte weniger. Dieser Wert beschreibt die Vermögenslage der breiten Bevölkerung wesentlich realistischer als der Durchschnitt.
Die deutsche Vermögensillusion in zwei Zahlen
Das durchschnittliche Vermögen eines Erwachsenen in Deutschland beträgt laut UBS 346.613 US-Dollar. Das Medianvermögen liegt jedoch bei nur 53.485 US-Dollar. Der Durchschnitt ist damit rund 6,5-mal so hoch wie der Median. Der Median erreicht lediglich 15,4 Prozent des Durchschnittswertes.
Diese enorme Differenz ist kein statistisches Detail. Sie ist die zentrale Aussage der gesamten Tabelle. Sie zeigt, dass der ausgewiesene deutsche Reichtum zu einem erheblichen Teil aus sehr hohen Vermögen an der Spitze besteht. Der Durchschnitt beschreibt die Konzentration großer Vermögen. Der Median beschreibt die tatsächliche Vermögenslage der Bevölkerung.
Ein Medianvermögen von 53.485 US-Dollar bedeutet: Die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung besitzt weniger als diesen Betrag an Nettovermögen. Dabei werden Bankguthaben, Wertpapiere, private Vorsorgevermögen und der Nettowert von Immobilien bereits einbezogen. Schulden werden abgezogen. Für viele Bürger ist die frei verfügbare finanzielle Reserve deshalb noch erheblich geringer als der Medianwert vermuten lässt.
Nicht Griechenland ist der Skandal. Rang 30 ist der Skandal
Der Blick allein auf Griechenland verengt die Bedeutung der Tabelle. Griechenland ist nur das letzte von 29 Ländern, die beim Medianvermögen vor Deutschland liegen. Entscheidend ist nicht, dass ein einzelnes Land Deutschland überholt. Entscheidend ist, dass Deutschland in der veröffentlichten Rangliste beim Vermögen der gesellschaftlichen Mitte den letzten Platz belegt.
Vor Deutschland liegen nicht nur Luxemburg, Belgien, Australien, die Schweiz, Dänemark oder Norwegen. Auch Italien, Spanien, Portugal, Österreich, Slowenien und Griechenland weisen ein höheres Medianvermögen auf. Selbst die Vereinigten Staaten, deren Vermögensverteilung ebenfalls stark ungleich ist, liegen mit 68.998 US-Dollar vor Deutschland.
Die UBS untersucht insgesamt 56 Märkte, die mehr als 92 Prozent des weltweiten Vermögens abdecken. Deutschland erreicht beim Medianvermögen Rang 30. Das ist für eine der größten Volkswirtschaften der Welt kein Zeichen allgemeinen Wohlstands. Es ist der Beleg dafür, dass wirtschaftliche Leistung und privater Bürgerwohlstand in Deutschland weit auseinanderfallen.
Das Märchen vom reichen Deutschland
Wenn Politiker erklären, Deutschland sei eines der reichsten Länder der Welt, sprechen sie meist über das Bruttoinlandsprodukt, die Größe der Volkswirtschaft, die Leistungsfähigkeit des Staates oder das gesamte Privatvermögen. Keine dieser Größen sagt aus, wie wohlhabend der durchschnittliche Bürger im wirklichen Leben ist.
Hier werden drei vollkommen unterschiedliche Dinge miteinander vermengt: ein wirtschaftlich leistungsfähiger Standort, ein finanzkräftiger Staat und eine wohlhabende Bevölkerung. Deutschland kann eine große Wirtschaftsleistung erbringen, hohe Steuern einnehmen und über einzelne gigantische Privatvermögen verfügen, während die breite Bevölkerung zugleich nur geringe eigene Vermögensreserven besitzt. Genau das zeigt der UBS-Bericht.
Die Formel vom reichen Deutschland ist deshalb keine harmlose sprachliche Ungenauigkeit. Sie erzeugt ein politisch nützliches Bild. Sie vermittelt den Bürgern, es sei genügend Wohlstand vorhanden, um immer neue Ausgaben, Belastungen und internationale Verpflichtungen zu tragen. Der Reichtum einer kleinen vermögenden Spitze und die Finanzkraft des Staates werden dabei gedanklich auf die gesamte Bevölkerung übertragen.
Wer Durchschnittsvermögen, Bruttoinlandsprodukt oder staatliche Einnahmen benutzt, um den Wohlstand der Bürger zu beschreiben, führt die Bevölkerung in die Irre. Ob dies bewusst geschieht oder aus statistischer Bequemlichkeit, ändert nichts an der Wirkung. Die Bürger sollen glauben, sie lebten in einem reichen Land und müssten deshalb weitere finanzielle Lasten ohne grundsätzliche Fragen akzeptieren.
Ein reicher Staat ist noch lange keine reiche Bevölkerung
Deutschland übernimmt im internationalen Vergleich enorme finanzielle Verpflichtungen. Nach Berechnungen der Deutschen Bundesbank zahlte Deutschland im Jahr 2024 netto 18 Milliarden Euro mehr an die europäische Ebene, als es aus dem EU-Haushalt und dem Extrahaushalt Next Generation EU zurückerhielt. Im Jahr 2025 war Deutschland mit 29,1 Milliarden US-Dollar erstmals der größte staatliche Geber öffentlicher Entwicklungsleistungen unter den Mitgliedern des OECD-Ausschusses für Entwicklungszusammenarbeit.
Die Bundesregierung bezifferte die bilaterale zivile Unterstützung für die Ukraine zum 31. März 2026 auf rund 41 Milliarden Euro. Die militärische Unterstützung belief sich auf rund 55,5 Milliarden Euro, wobei darin auch bereits für kommende Jahre bereitgestellte Mittel enthalten sind. Hinzu kommen deutsche Beiträge über internationale Organisationen sowie Ausgaben von Ländern und Kommunen, die in dieser Übersicht nicht enthalten sind.
Diese Größenordnungen zeigen den Anspruch deutscher Politik, international umfassend Verantwortung zu übernehmen. Wer diese Verantwortung finanziert, ist jedoch nicht ein abstraktes Deutschland. Es sind die Bürger und Unternehmen dieses Landes. Gerade deshalb muss vor jeder dauerhaften finanziellen Verpflichtung die Frage stehen, wie wirtschaftlich stark und vermögend die eigene Bevölkerung tatsächlich ist.
Die Antwort der UBS-Tabelle ist eindeutig: Die allgemeine Bevölkerung verfügt im internationalen Vergleich nicht über einen außergewöhnlichen Wohlstand. Sie liegt beim Medianvermögen hinter sämtlichen 29 anderen Ländern der dargestellten Rangliste. Die Behauptung, ein angeblich reiches Deutschland könne immer weitere Milliarden aufbringen, verschweigt deshalb, dass dieser Staat auf eine Bevölkerung zugreift, deren eigenes Vermögen erstaunlich schwach ist.
Die Bürger erwirtschaften viel und besitzen zu wenig
Im Jahr 2025 lag die deutsche Staatsquote bei 50,3 Prozent. Mehr als die Hälfte der gesamten Wirtschaftsleistung entsprach damit den Ausgaben des Staates. Gleichzeitig belegt Deutschland beim Medianvermögen nur Rang 30. Dieser Gegensatz ist fundamental.
Aus meiner Sicht zeigt er das Ergebnis eines politischen und wirtschaftlichen Modells, das den Staat systematisch stärkt, den privaten Vermögensaufbau der breiten Bevölkerung aber vernachlässigt. Arbeitseinkommen werden stark mit Steuern und Sozialabgaben belastet. Wohneigentum ist für viele Menschen kaum noch finanzierbar. Produktive Kapitalanlagen spielen in der Vermögensbildung großer Bevölkerungsteile weiterhin eine zu geringe Rolle. Die gesetzliche Rente wird politisch noch immer als verlässliche Altersabsicherung dargestellt. Tatsächlich entsteht dabei jedoch kein persönlicher Kapitalstock, sondern lediglich ein gesetzlich geregelter Anspruch auf künftige Zahlungen, dessen Höhe und Ausgestaltung von der wirtschaftlichen Entwicklung und von politischen Entscheidungen abhängen. Inflation entwertet über Jahre die Ersparnisse jener Bürger, die ihr Geld auf Konten oder in niedrig verzinsten Anlagen halten.
Der Staat greift in immer mehr Lebensbereiche ein, verteilt immer größere Summen und verlangt dafür immer höhere Beiträge und Abgaben. Zugleich wird die konkrete Gegenleistung der sozialen Sicherung für den einzelnen Bürger nicht entsprechend größer, sondern zunehmend unsicherer. Das Leistungsniveau der gesetzlichen Rente gerät langfristig unter Druck. In Krankenversicherung und Pflege steigen Beiträge und finanzielle Eigenbelastungen, während Budgetbegrenzungen, eingeschränkte Erstattungen und Versorgungsengpässe den tatsächlichen Zugang zu Leistungen erschweren. Der Preis dafür ist nicht nur eine hohe Abgabenlast. Der Preis ist auch eine Bevölkerung, die weniger eigenes Vermögen aufbaut und dadurch stärker von staatlichen Systemen abhängig bleibt.
Eine wohlhabende Bevölkerung besteht nicht aus Menschen, die hohe Ansprüche an den Staat besitzen. Sie besteht aus Menschen, die eigenes Kapital, Eigentum, Rücklagen und frei verfügbare Reserven besitzen. Genau daran fehlt es in Deutschland im internationalen Vergleich.
Die gesetzliche Rente ist kein Privatvermögen
Häufig wird das niedrige deutsche Medianvermögen mit dem Hinweis auf die gesetzliche Rente relativiert. Dieser Einwand überzeugt nicht. Ein Rentenanspruch kann im Alter ein laufendes Einkommen vermitteln. Er ist aber kein frei verfügbares Vermögen.
Der Bürger kann seinen gesetzlichen Rentenanspruch nicht verkaufen, nicht beleihen, nicht zu Lebzeiten frei verwenden und grundsätzlich nicht als persönliches Kapital an seine Erben weitergeben. Er besitzt keinen individuellen Kapitalstock. Er besitzt einen gesetzlich geregelten Anspruch gegenüber einem umlagefinanzierten System, dessen künftige Leistung von politischen Entscheidungen, Beitragszahlern und der demografischen Entwicklung abhängt.
Diese Abhängigkeit wird durch die finanzielle Entwicklung des gesamten Sozialversicherungssystems weiter verschärft. Der durchschnittlich tatsächlich erhobene Zusatzbeitrag in der gesetzlichen Krankenversicherung lag am 1. April 2026 bereits bei 3,13 Prozent und hat sich gegenüber 2022 mehr als verdoppelt. In der Pflegeversicherung beträgt der Beitragssatz seit 2025 3,6 Prozent, für Kinderlose 4,2 Prozent. In der gesetzlichen Rentenversicherung soll der Beitragssatz nach dem Rentenversicherungsbericht ab 2028 steigen und bis 2039 voraussichtlich 21,2 Prozent erreichen. Gleichzeitig soll das Sicherungsniveau vor Steuern nach dem Ende der Haltelinie bis 2039 auf 46,3 Prozent sinken.
Die Richtung ist damit eindeutig: Die Bürger müssen für die sozialen Sicherungssysteme immer mehr aufbringen, während die relative Leistungszusage sinkt und der Druck zu Begrenzungen im Gesundheits- und Pflegesystem wächst. Aus ihren Beiträgen entsteht trotzdem kein persönliches, frei verfügbares und vererbbares Vermögen.
Gerade deshalb ist die Unterscheidung entscheidend. Staatliche Versorgungsversprechen können privates Vermögen nicht ersetzen. Sie schaffen keinen frei verfügbaren Besitz und keine wirtschaftliche Souveränität. Wer beides gleichsetzt, verwischt erneut den Unterschied zwischen staatlicher Versorgung und persönlichem Wohlstand.
Warum Vermögen der wirkliche Maßstab für Wohlstand ist
Einkommen bezahlt den laufenden Lebensunterhalt. Vermögen entscheidet über Sicherheit, Unabhängigkeit und Freiheit. Wer Vermögen besitzt, kann Arbeitslosigkeit oder Krankheit besser überbrücken, unerwartete Ausgaben tragen, im Alter selbstbestimmter leben, seinen Kindern Chancen eröffnen und wirtschaftliche Entscheidungen treffen, ohne bei jedem Schritt auf Banken oder staatliche Stellen angewiesen zu sein.
Wer dagegen kaum Vermögen besitzt, bleibt trotz eines ordentlichen Einkommens verletzlich. Fällt das Einkommen aus, fehlt die Reserve. Steigen Mieten, Energiepreise oder Abgaben, schrumpft der Handlungsspielraum. Im Alter wächst die Abhängigkeit von staatlichen Leistungen. Wohlstand ist deshalb nicht die Summe dessen, was ein Land jährlich produziert. Wohlstand ist das, was die Menschen nach Jahren und Jahrzehnten der Arbeit tatsächlich besitzen.
Gemessen an diesem Maßstab ist die Lage Deutschlands ernüchternd. Eine der größten Volkswirtschaften der Welt hat es nicht geschafft, einen entsprechend hohen privaten Wohlstand in der Mitte der Bevölkerung aufzubauen. Das ist kein Randproblem. Es ist ein zentrales Versagen der deutschen Wirtschaftspolitik, Steuerpolitik und Vermögenspolitik.
Die tägliche Irreführung durch die falsche Kennzahl
Politik und Medien berichten bevorzugt über Bruttoinlandsprodukt, Staatseinnahmen, Gesamtvermögen und Durchschnittswerte. Diese Zahlen sind leicht verfügbar und erzeugen das gewünschte Bild eines leistungsfähigen, reichen Landes. Die entscheidende Zahl, das Medianvermögen der Bevölkerung, spielt in der öffentlichen Debatte dagegen kaum eine Rolle.
Das ist folgenreich. Wer nur hört, Deutschland sei reich, hält hohe Abgaben und immer neue Ausgabenprogramme leichter für selbstverständlich. Wer dagegen weiß, dass die Hälfte der Erwachsenen weniger als 53.485 US-Dollar Nettovermögen besitzt und Deutschland damit hinter 29 anderen Ländern der Tabelle liegt, wird andere Fragen stellen.
Was sich ändern muss
Eine Politik, die den Wohlstand der Bürger ernst nimmt, muss ihren Maßstab ändern. Nicht die Höhe der Staatsausgaben, nicht das Wachstum der Steuereinnahmen und nicht das durchschnittliche Vermögen dürfen im Mittelpunkt stehen. Entscheidend muss sein, ob das Medianvermögen der Bevölkerung steigt.
Dazu müssen Arbeitseinkommen spürbar entlastet, Wohneigentum erleichtert, langfristige Kapitalanlagen gefördert und private Altersvorsorge vor politischem Zugriff und fortlaufender Besteuerung geschützt werden. Finanzielle Bildung muss den Menschen ermöglichen, produktives Kapital aufzubauen, statt ihr Erspartes dauerhaft der Inflation auszusetzen. Der Staat muss aufhören, Bürger vor allem als Steuerzahler und Empfänger staatlicher Leistungen zu betrachten. Er muss ihnen wieder die Möglichkeit geben, Eigentümer und wirtschaftlich unabhängige Menschen zu werden.
Eine freiheitliche Gesellschaft braucht nicht möglichst viele Menschen, die vom Staat versorgt werden. Sie braucht möglichst viele Menschen, die aus eigener Kraft Vermögen besitzen, Verantwortung übernehmen und auch ohne staatliche Genehmigung wirtschaftlich handeln können.
Mein Fazit
Deutschland ist reich an Wirtschaftsleistung, staatlicher Finanzmacht und großen Einzelvermögen. Die breite Bevölkerung ist es nicht. Das Medianvermögen von nur 53.485 US-Dollar und Rang 30 in der UBS-Tabelle widerlegen das ständig wiederholte Bild vom allgemeinen deutschen Wohlstand.
Der Durchschnitt macht die Bevölkerung auf dem Papier reich, weil er die Vermögen einer kleinen Spitze rechnerisch auf alle verteilt. Der Median zeigt die Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit lautet: Die Deutschen erwirtschaften viel, zahlen viel und besitzen im internationalen Vergleich erstaunlich wenig.
Solange Politik und Medien diesen Unterschied verschweigen oder verwischen, bleibt die Rede vom reichen Deutschland ein Märchen. Ein nützliches Märchen für einen Staat, der immer neue Ausgaben begründen will. Ein gefährliches Märchen für Bürger, die glauben sollen, ihr Land sei reich, während ihr eigenes Vermögen kaum wächst.
Der wahre Maßstab einer erfolgreichen Wirtschaftsordnung ist nicht, wie viel Geld der Staat ausgeben kann. Der wahre Maßstab ist, wie viel Vermögen die Bürger selbst besitzen. Erst eigenes Vermögen schafft Sicherheit. Erst eigenes Vermögen schafft Unabhängigkeit. Erst eigenes Vermögen schafft Freiheit.
Methodischer Hinweis
Die UBS weist die Vermögenswerte in US-Dollar aus. Wechselkurse können einzelne Werte und Rangplätze beeinflussen. Außerdem unterscheiden sich Kaufkraft und Vermögensstruktur zwischen den Ländern. Nicht kapitalgedeckte staatliche Rentenansprüche werden nicht als Privatvermögen erfasst. Diese Hinweise ändern den Kernbefund nicht. Alle Länder der Rangliste werden nach derselben Methode verglichen. Deutschland bleibt beim Medianvermögen auf Rang 30 und liegt damit hinter sämtlichen 29 anderen Ländern der veröffentlichten Tabelle.
Quellen und Datengrundlagen
- UBS, Global Wealth Report 2026 und Medienmitteilung vom 30. Juni 2026
- Statistisches Bundesamt, Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025, Pressemitteilung vom 15. Januar 2026
- Deutsche Bundesbank, EU-Haushalt 2024, Deutschland weiterhin Nettozahler, 9. Oktober 2025
- OECD, Vorläufige Daten zur öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit 2025, 9. April 2026
- Bundesregierung, Bilaterale Unterstützungsleistungen für die Ukraine, Stand 31. März 2026
- Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Rentenversicherungsbericht 2025, 19. November 2025
- Bundesministerium für Gesundheit, Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung, Stand 1. April 2026
- Bundesministerium für Gesundheit, Finanzierung der sozialen Pflegeversicherung, Stand 2026